Berufliche Orientierung als schulische Bildungsaufgabe! – Was heißt dies konkret und welche Handlungspotenziale hat Schule?

Prof. Dr. Birgit Ziegler (TU Darmstadt), Ministerialrätin Birgit Otte (Kultusministerium Baden-Württemberg), Dr. Manfred Mohr (Staatliches Schulamt Backnang), Dorothee Hermann-Helmer (ZSL) und Team Berufliche Orientierung (BO-Team) der Heinrich-von-Kleist-Realschule Heilbronn: Sabrina Fink, Daniela Helker und Kerstin Weber

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Vortrag: Berufliche Orientierung als schulische Bildungsaufgabe! Was heißt das konkret und welche Handlungspotenziale hat Schule? (pdf 3 MB)
(Prof. Dr. Birgit Ziegler, Universität Darmstadt)

Vortrag: Rahmenbedingungen und Ziele der Beruflichen Orientierung in Baden-Württemberg (pdf)
(Ministerialrätin Birgt Otte. Ministerium für Kultus Baden-Württemberg)

Vortrag:  Qualitätsvolle Umsetzung der VwV BO (pdf)
(Dorothee Hermann-Helmer, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL))

Praxisbeitrag des BO-Teams der Heinrich-von-Kleist Realschule (pdf 3,8 MB)

Kurzbericht

Junge Menschen zu ermutigen und zu befähigen, ihr Leben aktiv und selbstverantwortlich mitzugestalten und dabei reflektiert eigene Bildungs- und Berufsentscheidungen zu treffen, ist ein fächerübergreifendes Bildungsziel von Schule, auf das sich die KMK im Jahr 2017 erneut verständigt hat. In Baden-Württemberg ist die Berufliche Orientierung als Leitperspektive in allen Schularten im Bildungsplan verankert, und auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) hat in einem Gutachten die Bedeutung von Beruflicher Orientierung hervorgehoben.

Die Frage, was Berufliche Orientierung ist und wie sie umgesetzt werden kann, wurde in der Veranstaltung aus verschiedenen Perspektiven diskutiert, mit Referierenden aus der Wissenschaft, aus der Bildungsverwaltung, aus dem schulischen Unterstützungssystem und aus der Schulpraxis.

Den inhaltlichen Auftakt machte Prof. Dr. Birgit Ziegler, die zunächst begrifflich differenzierte: Berufliche Entwicklung (Career Development) bezeichnet den lebenslangen, individuellen Prozess der Annäherung an die Arbeitswelt, Berufliche Orientierung (Career Guidance) hingegen die Konzepte und Maßnahmen, die diesen Prozess unterstützen. Mit Bezug auf Gottfredson (1981, 2005) zeigte sie, dass berufliche Aspirationen bereits ab etwa dem fünften Lebensjahr entstehen. Sie bilden sich über eine intuitive Ausschlusslogik heraus, die auf stereotypen Berufskonzepten beruht und selten revidiert wird. Belegt wurde dies unter anderem durch OECD-Daten zu geschlechtsspezifischen Aspirationen und durch Befunde, wonach Berufe als prototypische Personen repräsentiert sind. Ihr zugeschriebenes Ansehen beeinflusst die Neigung zur Berufswahl dabei stärker als Eigenschaften wie Fleiß oder Geschicklichkeit.

Daraus leitete Prof. Dr. Ziegler drei Thesen ab. Schule sei als Sozialisationsinstanz verpflichtet, herkunftsbedingte Chancenunterschiede zu reduzieren und implizite Sozialisation über Bildung anzugehen, d.h. bewusste Auseinandersetzung zu ermögliche. Berufliche Abschlüsse seien zentral für Erwerbschancen, da die Arbeitslosenquote ohne abgeschlossene Ausbildung mehr als dreimal so hoch ausfalle wie im Durchschnitt. Und Jugendliche träfen am Ende der Schulzeit erstmals eine selbstständige Entscheidung, weshalb Berufswahlkompetenz als Befähigung zur Lebenslaufregulation vermittelt werden müsse. Dem stellte sie PISA-2022-Daten gegenüber. Demnach fühlen sich in Deutschland überdurchschnittlich viele Jugendliche unzureichend auf das Erwachsenenleben vorbereitet, die Schule vermittelt vergleichsweise wenig Entscheidungssicherheit, und knapp die Hälfte kann keinen Berufswunsch für das Alter von 30 Jahren benennen. In eigenen Erhebungen mit 832 Jugendlichen fühlte sich nur etwa ein Drittel (31,1 %) von der anstehenden Entscheidung eher nicht belastet, wobei höheres Belastungserleben mit geringerer Lebenszufriedenheit einherging.

Als Antwort stellte Ziegler den im BIBB-TUDa-Kontext entwickelten anerkennungssensiblen Ansatz vor, der das Bedürfnis nach Identifikation und sozialer Anerkennung berücksichtigt. Er kombiniert explizite Reflexion (Workshop „Logiken der Berufswahl"), implizite Zugänge über Role-Models (AusbildungsbotschafterInnen) und digitale Formate (Career Quest). Für Schulen nannte sie als Handlungsoptionen Zielreflexion zwischen Übergangsmanagement und langfristiger Laufbahnkompetenz, die Orientierung an Evidenz (u. a. an den OECD-Indikatoren der Career Readiness) sowie Professionalisierung, da Berufliche Orientierung bislang kaum Teil der Lehrkräfteausbildung sei. Zugleich räumte sie eine deutliche Forschungslücke zur Wirksamkeit von Maßnahmen zur Beruflichen Orientierung ein.

Birgit Otte skizzierte anschließend den Rahmen in Baden-Württemberg: Das Umsetzungskonzept für eine zukunftsfähigere Berufliche Orientierung in Baden-Württemberg von 2023, die neu gefasste Verwaltungsvorschrift Berufliche Orientierung (VwV BO) mit erweiterten Mindeststandards, den Qualitätsrahmen Berufliche Orientierung, die Verankerung im Bildungsplan (u. a. im Fach WBS) sowie die Rahmenvereinbarung mit der Bundesagentur für Arbeit. Ziel sei die Stärkung der Berufswahlkompetenz und des direkten Übergangs in Ausbildung oder Studium, um Warteschleifen und Abbruchrisiken zu verringern.

Dr. Manfred Mohr erläuterte aus Sicht der Schulaufsicht die Verbleibserfassung im Schuldatenblatt. Es weist die Anschlüsse der Schulentlassenen nach Abschlussart, Geschlecht und Migrationshintergrund im Vergleich zu Schulamt und Land aus. Die Daten werden auf drei Ebenen genutzt, nämlich in der Einzelschule, im Statusgespräch mit dem Schulamt sowie im Regionalen Übergangsmanagement gemeinsam mit weiteren Netzwerkpartnern wie dem ZSL. Sie bieten wichtige Steuerungsdaten für die Berufliche Orientierung, z. B. um an Schulen die eigenen schulischen Konzepte zur Beruflichen Orientierung zu bewerten und weiterzuentwickeln.

Dorothee Hermann-Helmer stellte den Qualitätsrahmen Berufliche Orientierung vor, der Schulen in drei Schritten begleitet („Wo stehe ich?", „Wohin will ich?", „Wie erreiche ich die Ziele?"). Er gliedert sich in Rahmenbedingungen, Prozesse in der Schule und Ergebnisse im Sinne der Berufswahlkompetenz und wird durch Checkliste, digitales Schul-Tool und eine dreistufige Fortbildungskonzeption (BO Basis, Intensiv, Plus) ergänzt.

Wie sich dies in der Praxis gestaltet, zeigte das BO-Team der Heinrich-von-Kleist-Realschule Heilbronn mit einem BO-Curriculum der Klassen 5 bis 10. Dazu zählen unter anderem das Fach Zukunft, Praktika, Handwerkertage und die schuleigene Berufsmesse „Perspektive Zukunft". Beispielhaft schilderte das Team, wie es mit dem Qualitätsrahmen Konzeptinhalte abglich, die Messe evaluierte und weiterentwickelte. Die Umfragen unter Betrieben hatten die Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler zunächst kritisch ausfallen lassen. Daraufhin wurden Vor- und Nachbereitung ausgebaut, Dolmetschende für Eltern eingebunden und die Messe zur Mitmach-Messe umgestaltet. In den Folgejahren verbesserten sich die Rückmeldungen.

In der anschließenden Diskussion wurde nach der Rolle und Einbindung der MINT-Fächer an der Heinrich-von-Kleist-Realschule gefragt. Das Team verwies auf das Fach Zukunft, beispielhaft auf eine Kooperation mit der experimenta im Chemiebereich und eine geplante Erweiterung der Handwerkertage um weitere Berufe, etwa mit Elektrikern.

Weiterführende Links:

Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) (2025): Kompetenzen für den erfolgreichen Übergang von der Sekundarstufe I in die berufliche Ausbildung sichern: Gutachten

Umsetzungskonzept für eine zukunftsfähigere Berufliche Orientierung in Baden-Württemberg (2023): Umsetzungskonzept für eine zukunftsfähigere Berufliche Orientierung in BW

Verwaltungsvorschrift Berufliche Orientierung (VwV BO)

Rahmenvereinbarung zur Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung (2024): Rahmenvereinbarung.pdf

Informationen zum Qualitätsrahmen Berufliche Orientierung:
https://bo.zsl-bw.de/,Lde/Startseite/Projekte+_+Massnahmen/Qualitaetsrahmen+Berufliche+Orientierung

Basis-Checkliste digital – Fragebögen für die Sekundarstufe zur Beruflichen Orientierung:
https://schul.befragung-bw.de/de_DE/start/sekundarstufe.html#Frageboegen-zur-Beruflichen-Orientierung-fuer-das-BO-Team

Befragungsportal Baden-Württemberg Schul-Tool:
Interne Evaluationen passgenau durchführen - Schul-Tool

Informationen zu den BO-Fortbildungen des ZSL: 
https://bo.zsl-bw.de/,Lde/Startseite/Fortbildung

Ansprechpersonen in Baden-Württemberg: Ansprechpersonen in der Region - BO-BW

Schulen erleben Wirtschaft - Unternehmenshospitationen für Lehrkräfte:
Schulen erleben Wirtschaft - BO-BW

Außerschulische Forschungszentren (AFZ):
AFZ - BO-BW

Beispiele fachintegrativer BO:
Fachintegrative Beispiele für die Berufliche Orientierung - TaskCards

ZSL- Handreichung „Good-Practice-Beispiele zum Umsetzungskonzept Berufliche Orientierung“: https://edubw.link/bo-beispiele