Vortrag PASST! KI-Chatbots in der Praxis - digitale Unterstützung für den adaptiven Unterricht (pdf 2,3 MB)
Kurzbericht
Wie KI-Chatbots für das individualisierte Lernen von Schülerinnen und Schülern genutzt werden können, zeigten Benedikt Sauerborn und Greta Francke vom KI Zentrum Schule/ZSL in der 50. Veranstaltung „IBBW – Wissenschaft im Dialog“ des Instituts für Bildungsanalysen Baden-Württemberg auf.
Im ersten Teil der Veranstaltung ordnete Benedikt Sauerborn KI-Chatbots in den Unterrichtskontext ein und beleuchtete den aktuellen Forschungsstand, Risiken und Chancen. Am ZSL werde der Begriff des geschlossenen KI-Chatbots verwendet, bei dem Einstellungen der Lehrkraft die Ausgaben des Chatbots im Sinne des Lernziels wesentlich kanalisieren. Neuere Bestände der Forschung sagten, dass man mit Chatbots relativ gut lernen könne. Allerdings könne die Nutzung offener Chatbots, ohne dass die Lehrkraft im Voraus Einstellungen vornimmt, im schulischen Bereich teils problematisch und nicht sehr lernförderlich sein, etwa durch eine wesentlich höhere Unvorhersagbarkeit der Ausgaben. Ein zentrales Risiko sei das sogenannte kognitive Offloading, bei dem die eigene mentale Arbeit an ein externes Werkzeug ausgelagert werde. Dies führe dazu, dass man den Stoff nicht wiederhole und keine tiefe Auseinandersetzung stattfinde. Bei intensiver Nutzung ("heavy user") habe die Fähigkeit zum kritischen Denken bei Texten sowie die Reflexionsfähigkeit abgenommen. Gleichzeitig könne kognitives Offloading auch das Arbeitsgedächtnis entlasten und als Unterstützung dienen. Da generative KI-Aspekte wie Bias, Halluzinationen oder den "Trained-to-Please"-Effekt mit sich bringe, sei ein "AI-in-the-loop"-Ansatz essenziell. Hierbei initiiere der Mensch den Denkprozess, steuere die Dateneingaben und überprüfe die Ausgaben des KI-Systems kritisch. Zudem verdeutliche die JIM-Studie (2025), dass bereits 74 % der Jugendlichen KI für Hausaufgaben und 70 % zur Informationsbeschaffung nutzten.
Im zweiten Teil präsentierte Greta Francke ein konkretes Unterrichtsbeispiel für den Einsatz eines geschlossenen KI-Chatbots in der Praxis. In der asynchronen Phase eines Lernbüros kam das KI-Tool "telli" zum Einsatz. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich ausprobieren und hatten dabei ihren ersten Kontakt in der Begleitung mit einem geschlossenen Chatbot. Die Nutzung war zunächst ein fakultatives Angebot, um sich unklare Wörter erklären zu lassen, und wurde in einem anderen Lernszenario zu einem obligatorischen Baustein zur Prüfung des Textverständnisses. Im Plenum wurde anschließend auf der Metaebene besprochen und reflektiert, ob die Lernenden die Sprache des KI-Chatbots verstanden hätten.
Die Erkenntnisse zeigten, dass die KI-Technologie von den Schülerinnen und Schülern angenommen werde und in der Regel ohne Probleme funktioniere. Das Nutzungsverhalten sei jedoch sehr unterschiedlich und zum Teil niveauabhängig. Schwächere Lernende gäben oft nur einzelne Wörter ein, während stärkere Lernende ganze Sätze als Prompt formulierten und direkt mit den Antworten weiterarbeiten könnten. Chatbots ermöglichten im Vergleich zu traditioneller Wörterbucharbeit mehr Adaptivität, etwa durch einen individuellen Wortschatz und ein aktiveres Nutzungsverhalten. Gelingensbedingungen für den Einsatz seien ein roter Faden durch alle Phasen, eine Inputstunde mit gemeinsamem Erarbeiten sowie die Präsenz der Lehrkraft als Lernbegleitung. Zudem zeigte Francke, wie Lehrkräfte passgenaue Lernszenarien im System erstellen können, beispielhaft für eine sechste Klasse in Deutsch.
Fragen, Diskussionen und der Austausch im abschließenden dritten Teil der Veranstaltung fokussierten sich auf:
- Das gemeinsame Ausprobieren der vorgestellten KI-Tools durch die Teilnehmenden.
- Das Ziel, Critical Thinking als greifbare Haltung von Lehrkräften zu etablieren, um Lernende zu ermutigen, KI-Ergebnisse zu hinterfragen.
- Die Bedeutung der Asynchronität, die für einen adaptiven Unterricht mit KI wichtig sei.
Weiterführender Hinweis: KI-Chatbot „Telli“
Der KI-basierte Chatbot telli steht seit Herbst 2025 allen Schulen in Baden-Württemberg zur Verfügung und kann hier beantragt werden. "telli" wurde speziell für den schulischen Einsatz entwickelt und wird über SCHULE@BW bereitgestellt. In der Startversion bietet „telli“ verschiedene Features wie Chat, Dialogpartner, Lernszenario und Assistenten, um vielfältige Interaktion zu ermöglichen. "telli" kann sowohl zur Unterrichtsvorbereitung als auch im unterrichtlichen Kontext eingesetzt werden.