PASST! Schulleitungshandeln für adaptive Schul- und Unterrichtsentwicklung

Prof. Dr. David Scheer und Schulleiter Martin Fugman

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Vortrag PASST! Schulleitungshandeln für adaptive Schul- und Unterrichtsentwicklung (pdf 5,5 MB)

Vortrag Personalisierung des Lernens als SE Ziel (pdf 1,7 MB)

Kurzbericht

Die 51. Veranstaltung der Reihe „IBBW – Wissenschaft im Dialog“ widmete sich dem Thema „Schulleitungshandeln für adaptive Schul- und Unterrichtsentwicklung“. Prof. Dr. David Scheer (PH Ludwigsburg) und Schulleiter Martin Fugmann beleuchteten aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive, wie Schulen auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren und adaptive Lernprozesse gestalten können.

Im ersten Teil führte Prof. Dr. Scheer in Schulentwicklung als organisationales Lernen ein. Schulen seien Organisationen, die sich in einer von Wandel und Unsicherheit geprägten Umwelt kontinuierlich weiterentwickeln müssten. Erfolgreiche Schulentwicklung zeichne sich durch eine hohe „Capacity for Managing Change“ aus. Zentrale Faktoren seien unterstützende Strukturen, die Kooperation und Austausch ermöglichen, ein geteiltes Commitment im Kollegium sowie die systematische Nutzung an der Schule vorhandenen und externen Wissens. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung von Distributed Leadership: Führung werde nicht ausschließlich von der Schulleitung ausgeübt, sondern entstehe situativ aus der Expertise verschiedener Akteure. Gleichzeitig brauche es klare Zielsetzungen, Verantwortlichkeit und datenbasierte Entscheidungsprozesse, um Schul- und Unterrichtsentwicklung wirksam zu gestalten.

Als konkretes Rahmenmodell für adaptive Schulentwicklung stellte Scheer Multi-Tiered Systems of Support (MTSS) vor. Im Zentrum stehe ein präventiver Ansatz, der Lernschwierigkeiten frühzeitig erkenne und gezielt adressiere, anstatt erst bei manifestem Scheitern zu reagieren („Wait-to-fail“). Durch regelmäßige Screenings und Lernverlaufsdiagnostik könnten Lernstände kontinuierlich erfasst und pädagogische Entscheidungen datenbasiert getroffen werden. Die Unterstützung erfolge dabei gestuft: von einem evidenzbasierten Unterricht für alle Lernenden bis hin zu intensiveren Fördermaßnahmen für einzelne Schülerinnen und Schüler. MTSS verbinde dabei akademisches Lernen mit Aspekten von Verhalten und Partizipation und sei als schulweites, teamorientiertes System angelegt.

Im Hinblick auf Schulleitungshandeln stellte Scheer vier analytische Perspektiven vor: den strukturellen, den Human-Ressource-, den politischen und den symbolischen Rahmen. Diese eröffneten unterschiedliche Zugänge zu Führung und Schulentwicklung und seien als komplementäre „Werkzeuge“ zu verstehen. Wirksames Leitungshandeln zeichne sich dadurch aus, situationsangemessen zwischen diesen Perspektiven wechseln zu können und insbesondere Partizipation, Kooperation und eine gemeinsame Vision zu fördern.

Im zweiten Teil der Veranstaltung gab Schulleiter Martin Fugmann Einblicke seine Praxis von Schulentwicklung im Kontext aktueller Transformationsprozesse. Ausgangspunkt sei die Beobachtung, dass traditionelle Strukturen und Lösungsansätze oft nicht mehr ausreichten, um auf neue Herausforderungen wie zunehmende Heterogenität oder Digitalisierung zu reagieren. Anhand anschaulicher Bilder – etwa der „Autobahn“ als Metapher für das Prinzip „mehr vom Gleichen“ – verdeutlichte Fugmann, dass nachhaltige Veränderung nicht durch quantitative Ausweitung bestehender Maßnahmen, sondern durch ein Umdenken in der Gestaltung von Lernen erreicht werde.

Ein zentrales Leitmotiv seiner Ausführungen war die Personalisierung von Lernprozessen. Lernen müsse stärker vom einzelnen Kind aus gedacht werden und sich an dessen individuellen Voraussetzungen, Interessen und Lernwegen orientieren. Digitale Technologien und insbesondere KI könnten dabei unterstützen, etwa durch adaptive Lernpfade, kontinuierliches Feedback und neue Formen der Diagnostik. Gleichzeitig betonte Fugmann die unverzichtbare Rolle der Lehrkraft: Während Wissen und Instruktion zunehmend auch durch digitale Systeme bereitgestellt werden könnten, bleibe die pädagogische Beziehung zentral für erfolgreiches Lernen.

Für die Umsetzung von Schulentwicklung hob Fugmann die Bedeutung von Führung als Prozess hervor. Schulleitung müsse weniger als steuernde Instanz, sondern vielmehr als begleitende und moderierende Kraft verstanden werden. Entscheidend sei es, im Kollegium gemeinsame Entwicklungsprozesse anzustoßen, Beteiligung zu ermöglichen und Vertrauen aufzubauen. Besonders wirksam sei dabei die ko-kreative Zusammenarbeit in Teams („Collective Teacher Efficacy“), die als einer der stärksten Einflussfaktoren auf Lernerfolg gilt.

Abschließend wurde deutlich, dass adaptive Schul- und Unterrichtsentwicklung ein Zusammenspiel aus strukturellen Rahmenbedingungen, datenbasierter Diagnostik, pädagogischer Haltung und kooperativer Führung erfordert. Veränderung gelinge dabei vor allem dann, wenn sie als gemeinsamer Lernprozess verstanden und von allen Beteiligten aktiv gestaltet werde.

Fragen, Diskussionen und der Austausch im abschließenden dritten Teil der Veranstaltung fokussierten sich auf:

-         Die Umsetzung von Schulentwicklungsprozessen im Rahmen von Prozessbegleitungen sowie die Frage, wie Schulen adaptive Schul- und Unterrichtsentwicklung konkret gestalten können.

-         Die Herausforderung, theoretische Konzepte und Modelle auf die jeweilige Einzelschule zu übertragen, da spezifische Rahmenbedingungen und Ausgangslagen stark variieren.