Vortrag PASST! Adaptiver Unterricht im Fokus: Was kann Schule (pdf 3,8 MB) - mit Blick auf adaptive Unterrichtsgestaltung?
Kurzbericht
Die 48. Veranstaltung der Reihe “IBBW-Wissenschaft im Dialog” gestalteten die Referierenden aus Wissenschaft und Praxis als Dialog: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur adaptiven Unterrichtsorganisation von Prof. Dr. Munser-Kiefer wurden mit Umsetzungen und Erfahrungen aus der Praxis von Christian Hendriok untermauert, um Einblicke in eine Good-Practice von heute zu bekommen.
Verknüpft mit dem Video der Hermann-Brommer Schule Merdingen für ihre Bewerbung für den Deutschen Schulpreis stellte Prof. Dr. Munser-Kiefer die Stellschrauben einer ganzheitlichen Schulentwicklung mit dem Ziel der adaptiven Unterrichtsgestaltung vor:
- Kultur mit Kooperation und Partizipation der Lernenden
- Struktur
- Handeln
- Mindset
Wissenschaft: In ihrem ersten wissenschaftlichen Input stellte Prof. Dr. Munser-Kiefer
die Stellschraube „Kultur“ vor. Die Kooperation sei eine zentrale Gelingensbedingung für
die Entwicklung von Schule, Unterricht und pädagogischer Professionalität, sowie für die adaptive Förderung aller
Lernenden. Die Etablierung sei aber eher die Ausnahme als die Regel und müsse strukturell unterstützt werden. Multiprofessionelle
Kooperation führe zu einer Ko-Konstruktion von Unterricht durch sich überschneidende Aufgaben, die aber klare
Zuständigkeiten und Absprachen bräuchten. Respekt untereinander, eine affektive Beziehungsebene, gemeinsame Werte, Normen und
Ziele seien die Grundlagen, um in der Ko-Konstruktion zu einer kollektiven Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu kommen.
Praxis: Hier stellte Christian Hendriok das Kooperations-Konzept aus der Praxis der
Hermann-Brommer Schule vor, das sich an festen Team-Strukturen auf mehreren Ebenen (Gesamtteam, Klassenteam, Fachteam) und einem
vertrauensvollen und fehlertolerierenden Miteinander orientiere. Etwa mit regelmäßigen Kooperationsnachmittagen, offenen
Türen, kollegialen Unterrichtshospitationen, dem Einbezug von Best-Practice-Beispielen werde die konzeptionelle Arbeit an der Schule
gemeinsam vorangebracht. Durch die Vernetzung und Arbeitsteilung in der Schulentwicklung habe sich eine gemeinsame Sprache und Haltung
entwickelt.
Wissenschaft: Danach präsentierte Prof. Dr. Munser-Kiefer den Aspekt der
Partizipation in der Schulkultur. Partizipation sei eine zentrale Dimension pädagogischer
Qualität und Bildungsauftrag einer demokratischen Pädagogik. Partizipation sei damit in allen Prozessen vertreten,
äußere sich jedoch in unterschiedlichen Stufen der Mitbestimmung. Aus Untersuchungen gehe allerdings hervor, dass Mitbestimmung
von Lernenden an Schulen gering und nur punktuell ausgeprägt bleibe, wobei sich Kinder und auch Lehrkräfte mehr Mitbestimmung
wünschten. Jedoch müssten Methoden strukturell eingeführt und geübt werden, hätten dann jedoch das Potenzial
für mehr Adaptivität und Wohlbefinden.
Praxis: Hierzu berichtete Christian Hendriok, wie das Lernen mit Lernplänen,
Kindersprechstunde, „Regel der Woche“ und dem partizipativen freien Projekt-Lernen „Schlaumacherzeit“ den
Schulalltag an seiner Schule positiv prägten und Selbstregulation förderten.
Wissenschaft: Ein spannender Baustein der Schulstruktur des
Schulkonzepts der Hermann-Brommer Schule liegt im Konzept der Jahrgangsmischung. Prof. Dr. Munser-Kiefer konnte
wissenschaftlich belegen, dass es gerade wegen der großen Heterogenität zu mehr Differenzierung und Individualisierung für
alle Kinder komme, besonders bei dem Thema Inklusion. Mehr offene Unterrichtsformen und Differenzierungsmaßnahmen führten zu mehr
Lernerautonomie und Adaptivität. Zudem habe die Jahrgangsmischung das Potenzial zu systematischer Unterstützung, Förderung
und Beratung, und führe damit zu einer subjektiv empfundenen geringeren Arbeitsbelastung der Lehrkräfte. Lernende nehmen durch
die Jahrgangsmischung eine höhere Unterrichtsqualität wahr aufgrund der Unterstützung durch Peers und der individuellen
Bezugsnorm.
Praxis: Christian Hendriok zeigte, welche positive Folgen die Jahrgangsmischung an seiner
Schule hat: Aufgrund der regelmäßigen individuellen Lernentwicklungs-Gespräche werde mit den Kindern auf den Lernprozess und
Kompetenzentwicklung jedes einzelnen geschaut. Kinder hätten die Möglichkeit im kooperativen Lernen zusammenzuarbeiten, einander
zu unterstützen und aufeinander Einfluss zu nehmen. Durch die Jahrgangsmischung sei eine innovative Unterrichtsgestaltung notwendig,
die den Lernenden die Strukturen gibt, ihre Lernpläne passend zu ihrem Lernprozess aktiv mitzugestalten.
Wissenschaft: Prof. Dr. Munser-Kiefer stellte im Folgenden zur Stellschraube
Handeln, das KI-gesteuerte Tool “talidu” vor, das Lehrkräfte bei ihren
professionellen Kompetenzen und Lernende in ihrem Kompetenzerwerb durch Feedback und passenden Lernhilfen spielerisch adaptiv
unterstützen könne und die Selbstregulation fördere. Einführende Informationen dazu auch hier.
Praxis: Christian Hendriok stellt zur Stellschraube Handeln das Feedback der
Lernförderlichen Leistungsrückmeldungen seiner Schule vor. Er konnte zeigen, dass das kindgerechte
Hand-in-Hand-Gehen von Diagnose und adaptiver Förderung zum selbstregulierten Lernen beitragen.
Wissenschaft: Ein letzter Impuls zum Thema Mindset warf einen Blick
auf den Entwicklungsprozess der Schulkultur. Unterschiedliche Lehrkräfte-Typen spielten im Schulentwicklungsprozess unterschiedliche
Rollen und übernähmen unterschiedliche Aufgaben. Dazu würden sie aber auch durch ihre individuellen Ausgangspositionen
unterschiedliche Professionalisierungsmaßnahmen benötigen.
Praxis: Im Konzept der Heinrich-Brommer-Schule werde die Heterogenität der
Lehrkräfte als Stärke wahrgenommen und bei der Schulentwicklung bewusst und produktiv berücksichtigt. Es wurde deutlich,
dass sowohl der Heterogenität der Lernenden als auch der Lehrenden Rechnung getragen wird.
Abschließende Diskussion Fragen thematisierten
- die Vereinbarkeit des Ganztagsschulen Konzept mit regelmäßigen Kooperations-Nachmittagen.
- Fragen zu“ talidu“
- Schulentwicklung mit Lehrkräften in Teilzeit.
- die besondere Form des Unterrichts an der Hermann-Brommer Schule und wie diese von skeptischen Lehrkräften in der Vergangenheit aufgenommen wurde.
- das Hinzuziehen von Unterstützung für größere Klassen, wie Sonderpädagogen, FSJlern, Studierenden oder Alltagsbetreuenden, sodass man nicht alleine vor der Klasse steht.
- wie Kollegen motiviert werden können, Schulentwicklung anzugehen.