Navigation überspringen

21.03.2023

Was ist adaptiver Unterricht und warum reden auf einmal alle davon? Auftakt zur Serie „PASST! Adaptiver Unterricht im Fokus“

Prof. Dr. Hanna Dumont (Universität Potsdam)

Vortrag Was ist adaptiver Unterricht und warum reden auf einmal alle davon? (pdf 1,9 MB)

Eine weitere Nutzung der Vortragsfolien darf nur mit Zustimmung von Hanna Dumont erfolgen.

Kurzbericht

Ausgehend von einer Darstellung von Heterogenitätsmerkmalen in Schulen stellt Prof. Dumont der traditionellen Herangehensweise „Heterogenität als Problem“ den Ansatz des adaptiven Unterrichts gegenüber, der „Heterogenität als Chance“ versteht. 

Anstatt die Lernenden herkömmlicherweise vorwiegend nach Leistung zu gruppieren und die Heterogenität in Lerngruppen damit teilweise aufzuheben, fokussiere sich adaptiver Unterricht auf die Passung zwischen Unterrichtsangebot und individuellen heterogenen Lernvoraussetzungen der Lerngruppe. Diesem Kern des Konzeptes gelte es zu folgen, auch wenn es um ihn herum ein „Begriffschaos“ von verwandten Begrifflichkeiten gebe. 

Die Passung im adaptiven Unterricht spiele sich zwischen den Polen Strukturierung und Selbstregulation ab: Mit steigender Kompetenz der einzelnen Lernenden sinke die Strukturierungsleistung durch die Lehrkraft und steige die Selbstregulation durch die Lernenden. Von der Referentin aufgeführte zentrale Merkmale des adaptiven Unterrichts sind daher:

  • Entwicklungsperspektive: Kontinuierliche Anpassung an Lernende
  • Formatives Assessment: Fortlaufende formale und informale Diagnostik
  • Makro- und Mikro-Adaptationen: Flexible Formen der Individualisierung und Differenzierung sowie „Moment-to-Moment“-Adaptationen im Unterricht
  • Selbstreguliertes Lernen: Zunehmende Selbstregulation durch die Lernenden
  • Gruppenkontext: Keine Vereinzelung von Lernprozessen.

Mit dem letzten Punkt wird deutlich, dass durch die Passung der Lernprozesse auf individuelle Lernvoraussetzungen keine Auflösung der Lerngemeinschaft gemeint ist, sondern dass flexibel Lernarrangements geschaffen werden sollen. Dementsprechend bedeute der Adaptive Unterricht auch nicht, dass bestimmte Unterrichtsmethoden bevorzugt würden, sondern dass die Unterrichtsaktivitäten insgesamt orchestriert werden müssten, um auch gemeinschaftliches Lernen mit unterschiedlichen Voraussetzungen zu ermöglichen. Adaptiver Unterricht könne als Gesamtunterrichtsstrategie verstanden werden, die die Tiefenstrukturen des Unterrichts adressiere. Empirische Befunde deuteten auf positive Effekte für Differenzierung, formatives Assessment und selbstreguliertes Lernen im Adaptiven Unterricht hin.

In der Überbetonung von Methodik (Sichtstrukturen) zum Nachteil von qualitativ hochwertigen Lernprozessen (Tiefenstrukturen) liege jedoch tatsächlich eine Gefahr, die empirisch belegt sei. Eine weitere Gefahr liege in der Überforderung von Lehrkräften, die das anspruchsvolle Arrangieren der Lernprozesse leisten müssten. 

In Bezug auf die Umsetzung in der Praxis erklärt die Referentin, dass bisher sehr wenige Schulen Adaptiven Unterricht als Gesamtunterrichtsstrategie praktizierten, bisher vor allem an Modell- oder Reformschulen. Dies könne mit der sehr individuellen, komplexen Umsetzung im Unterricht begründet werden, da parallel ablaufende Lernprozesse im Blick behalten und wieder zusammengebracht werden müssen. In einer Studie über die Preisträger des Deutschen Schulpreises seien jedoch dort zahlreiche Merkmale Adaptiven Unterrichts feststellbar, die Prof. Dumont anhand von konkreten Beispielen zeigte.

Prof. Dumont zieht das Resümee, dass Adaptiver Unterricht tiefgreifende Veränderungen der „Natur“ von Schule und Unterricht impliziere. Außerdem bringe das Konzept ein großes Potential mit sich, könne aber auch Risiken bergen. Als elementare Voraussetzungen, um das Konzept in den Unterricht zu integrieren, beschreibt die Referentin eine fundierte Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften, eine langfristige Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie Unterstützungsstrukturen auf allen Ebenen. Prof. Dumont versteht Adaptiven Unterricht als Prozess, der immer weiter in der Praxis Eingang finden sollte. 

Einführendes Video zu Adaptivem Lernen: https://www.youtube.com/watch?v=vRqO30caJR0
Zum Weiterlesen: Dumont, H. (2019). Neuer Schlauch für alten Wein? Eine konzeptuelle Betrachtung von individueller Förderung im Unterricht. ZfE 22, 249–277.  

Diskussion

In der anschließenden Diskussion wurden u.a. folgende Aspekte aufgegriffen:

  • Adaptivität und Noten
  • Hürden in der Umsetzung in verschiedenen Kontexten
  • Gültigkeit des Konzepts für alle Schularten
  • Längeres gemeinsames Lernen vs. Selektion in der Sekundarstufe I

Unsere Webseite verwendet nur Cookies, die technisch notwendig sind und keine Informationen an Dritte weitergeben. Für diese Cookies ist keine Einwilligung erforderlich.
Weitere Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.